Der digitale Bauer

Die Landwirtschaft bleibt vom globalen Trend der zunehmenden Digitalisierung nicht verschont. Lucien Hoffmann, Leiter der Abteilung Innovation und Umweltforschung des Forschungsinstituts LIST, beleuchtet mögliche Vor- und Nachteile einer Landwirtschaft 4.0.

Source : Luxemburger Wort
Publication date : 11/27/2018

 

Die Digitalisierung – also die Veränderung von Gesellschaft und Wirtschaft durch digitale Technologien – schreitet weltweit voran und gehört zu den Megatrends unserer Zeit. Von diesem Wandel bleiben auch die Bauern nicht verschont – Stichwort Landwirtschaft 4.0. Über Chancen und Risiken dieser Veränderungen sprach Lucien Hoffmann, Leiter der Abteilung Innovation und Umweltforschung vom Luxembourg Institute of Science and Technology (LIST) anlässlich der Generalversammlung der Bauernzentrale in Roost. „Der Trend zur Digitalisierung ist unaufhaltsam“, so Hoffmann.

Die Hoffnungen, die mit einer digitalisierten Landwirtschaft verknüpft werden, sind groß: Erhöhte Ressourceneffizienz, umweltfreundlichere Produktion, Verbesserung der Qualität landwirtschaftlicher Produkte und geringere Kosten. Das Potenzial ist enorm. Das vergleichsweise kleine Luxemburg könnte dabei eine Vorreiterrolle in der EU übernehmen – das Großherzogtum als „Modell“ einer digitalisierten Landwirtschaft, so Hoffmann. Dafür wäre ein „Masterplan für die luxemburgische Landwirtschaft 4.0 nötig“. Die Ausbildung angehender Landwirte und das Angebot an Weiterbildungsmaßnahmen müssten den Erfordernissen einer digitalisierten Landwirtschaft Rechnung tragen, deren Anwendungsmöglichkeiten breit gefächert sind.

Digitale Anwendungsmöglichkeiten

Ein Beispiel: Mittlerweile gibt es Halsbänder, die mithilfe von Sensoren die Temperatur und auffällige Bewegungen von Kühen registrieren können und auf diese Art dem Landwirt exakte Informationen über deren Empfängnisbereitschaft übermitteln. Ähnliches gilt für die Überprüfung der Gesundheit und der Produktivität von Nutztieren. So sagen beispielsweise die abgeführte Menge an Milch, die Futteraufnahme und das Körpergewicht viel über den gesundheitlichen Zustand eines Tieres aus.

Die Vorteile beschränken sich aber nicht nur auf die Viehhaltung. Auch bei der Bearbeitung von Ackerböden können digitale Hilfsmittel das Leben der Bauern erleichtern, so zum Beispiel bei der Überwachung des Zustands der Vegetation. Mithilfe von Drohnen und Satellitenfotos können genaue Karten von landwirtschaftlichen Nutzflächen erstellt werden, die Auskunft über den Zustand von Pflanzen und Böden liefern – so zum Beispiel über den Stickstoffanteil von Pflanzen.

Einerseits können Landwirte dadurch Düngemittel und Pestizide zielgerichtet einsetzen. Andererseits können diese Daten Auskunft geben über die zu erwartende Erntemenge, was die Planungssicherheit der Bauern erhöht. Drohnen können aber nicht nur Daten über den Zustand von Pflanzen liefern, sie können zum Beispiel auch im Weinbau künftig eine wichtige Rolle übernehmen, da sie in den schwer zugänglichen, steilen Hängen gezielt Pestizide und Düngemittel versprühen können. Insgesamt könnte somit die Nutzung von Pflanzenschutzmitteln auf ein Minimum reduziert werden und damit einen wichtigen Beitrag zum Umwelt- und Trinkwasserschutz leisten.

Annäherung zwischen Produzent und Konsument

Darüber hinaus könnte die Digitalisierung Verbraucher und Landwirte näher zusammenbringen. Produkte können besser zurückverfolgt werden, vom Acker bis zur Ladentheke im Sinne der Transparenz der gesamten Produktionskette. Außerdem können die Bauern Feedback über die Qualität ihrer Produkte unmittelbar vom Verbraucher erhalten.

Neben den Chancen gehen aber auch Risiken mit der zunehmenden Digitalisierung einher. In erster Linie sind damit Fragen der Rechtssicherheit verbunden. Wem gehören die Daten? Wer darf auf die Daten zugreifen und zu welchen Zwecken? Ähnlich wie heutzutage bei Google oder Facebook ist die Befürchtung, dass nur wenige große Firmen weltweit über die Daten verfügen, denen die Bauern dann letztendlich ausgeliefert wären. Eine mögliche Lösung wären laut Hoffmann Datenbanken, die von staatlichen Institutionen anstatt von privaten Firmen kontrolliert werden, um dem Datenmissbrauch vorzubeugen.

STEVE BISSEN

 

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